RODENBERG (pd). Die Bilder, die die neunten Haupt- und Realschüler der Stadtschule Rodenberg bei einem Vortrag von Andrea Röpke im Forum zu sehen bekamen, erzeugten eine Stimmung zwischen Beklemmung und Erstaunen. Die Fachjournalistin, die als versierte Kennerin der rechtsextremen Szene vor allem in Niedersachsen gilt, zeigte in ihren Ausführungen den Wandel von kleinen Gruppen und deren konspirativen Treffen hin zu einer Bewegung, die sie in ihrem jüngsten Buch als "Nazi in Nadelstreifen" bezeichnet. "Die Rechten haben ihre Strategien verändert", umschreibt Röbke die von ihr beobachtete Entwicklung der letzten Jahre. Die Nazis würden sich immer mehr im bürgerlichen Umfeld festsetzen.
Eine fatale Entwicklung, die sie überzeugend anhand von Filmausschnitten, Textbeiträgen und Originalzitaten aus der rechten Szene beweisen konnte. Das Ziel der Neonazi, eine nationale Gegenkultur aufzubauen, werde immer mehr vor allem auf dem platten Land konkret ins Visier genommen. Mit scheinbar harmlosen "Bürgerfesten" würde versucht, die Leute für sich einzunehmen. Hier sei die Hemmschwelle auch entsprechend abgesenkt. Man gibt sich als Mitglied der Gesellschaft, in dem man unter anderem zum Blutspenden aufruft oder auf Marktplätzen mit Kuchenbüffet oder Hüpfburg aufwartet. Möglich sei diese "Öffnung ins normale Lager" durch ein gestärktes Selbstbewusstsein der rechten Szene. Wortgewandte Männer mit gepflegtem Auftreten hätten überhaupt keine Ähnlichkeit mehr mit dem sonst üblichen Erscheinungsbild. Röpke warnte die Jugendlichen im Forum eindringlich vor den "Scheitelträgern", die zwar ihr Äußeres angepasst, ihre Gesinnung aber keinesfalls aufgeben hätten.
Denn bei bekannten "Brauchtumsveranstaltungen" der rechtsextremen Gruppen in Niedersachsen ginge es nicht nur nach wie vor um die Indoktrination und die Verherrlichung eines "neuen nationalen Staates mit eigener nationaler Kultur". Auch vor Kindern mache die extreme rechte Szene nicht halt. Gruppen wie Mitglieder der NPD, Skinheads, Freie Kameradschaften oder Autonome Nationalisten würden immer mehr nach vorne drängen. Gerade die Altersstufe der 18- bis 25-Jährigen würde sich zu rechtsextremen Gruppen hingezogen fühlen. Ein Irrglaube sei, so die Recherchen der Journalistin, dass ausschließlich Männer die rechte Szene dominieren würden. Sie zitierte Studien, wonach Frauen sogar fremdenfeindlicher, dafür aber weniger antisemitisch eingestellt wären.
Vor dem Hintergrund der Naziaufmärsche in Bad Nenndorf, die nächste wird Anfang August erwartet, nannte Röpke "Ross und Reiter" von Führern und Gruppen, auf die sich Polizei und Gegendemonstranten einstellen müssten. Nach ihrer Einschätzung werde der kommende Aufmarsch in der Kurstadt noch mehr Rechtextreme aus ganz Niedersachsen anlocken als je zuvor. Bad Nenndorf würde wegen der von den Neonazis verklärten Vorgänge im Wincklerbad perfekt in das Bild der "Opferrolle" passen. "Der Ort eignet sich dafür, als Märtyrerort hochstilisiert zu werden", warnte die Refentin.
Anhänger der rechten Szene würden sich immer mehr als "Kümmerer" präsentieren, gerade in ländlichen Gebieten. "Keine Partei nimmt den Kommunalwahlkampf so ernst wie die NPD", hat sie analisiert. Dort, wo aus Geldgründen Jugendzentren geschlossen werden, würden Rechte gerne das Wort ergreifen und sich als Fürsprecher für die Jugend aufspielen. Bevorzugte Themen sei weniger der Holocaust, sondern eher solche wie "Umweltschutz gleich Heimatschutz" oder die laute Anprangerung von Kinderschändern. "Natürlich nur in solchen Fällen, in denen es ein deutsches Kind betrifft", ergänzte Röpke. Eigene Lösungen suche man im rechten Parolenspektrum allerdings vergebens, machte die Journalistin klar.
Die Schülerinnen und Schüler hatten nur vereinzelt Fragen an die Expertin, die schon einmal zu Gast in der Stadtschule war. Die jungen Leute wussten nur wenig von den Vorgängen im ehemaligen britischen Verhörzentrum an der Bahnhofstraße in Bad Nenndorf und nur ein Schüler war im letzen Jahr bei der Gegendemo mit dabei. Das sei aber nicht untypisch für diese Jahrgangsstufe, erklärten die Journalistin und Lehrer Wilfried Knipping. Der Lehrplan sehe solch Themen erst in den zehnten Klassen vor. Foto:pd