1. Es war die Nachtigall

    Shakespeare-Company wirbelt durch das Kurtheater

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    BAD NENNDORF. Nein, nein, nein – es war nicht die Nachtigall, es war die Lerche, jener Vogel mit Krötenaugen und ohne Taktgefühl, der gnadenlos anzeigt, dass die Nacht vorüber und Julia ihren Liebsten gehen lasse muss; denn Bleiben hieß, dass sie ihn kriegen und töten. "Schnell wird es hell, doch dunkel unser Leid." Ein dunkleres gibt es nicht: "Nichts ist so tragisch wie das, was hier geschah in der Geschichte von Romeo und Julia." Müssen wir immer wieder davon hören und es sehen? Wir müssen. Mögen wir auch wohl nie das Schicksal der beiden Liebenden aus Verona teilen, so spüren wir doch sämtliche Regungen eben jener Liebe, wie Shakespeare sie jenem Liebespaar in die Seele drückt.

    Oskar Wedel

    Und da ist sie denn auch: Elisabeth Milarch, so samten, so unendlich zart, eben erst flügge, kaum Bodenhaftung, nahezu schwebend, vergessend, dass sie zu diesen Capulets und er zu jenen Montagues gehört, einander bis aufs Blut verfeindeten Familien: eine Julia, wie sie bezaubernder, ja, verzaubernder kaum auffindbar sein kann. Matthias Claudius mag davon gelernt haben: Die Liebe hemmet nichts, sie kennt nicht Tür noch Riegel und dringt durch alles sich … So auch Romeo. Kein Zaudern, kein Zögern, kein langes Werben. In beide ist der Blitz gefahren. In Benjamin Plath sieht man ihn förmlich zucken. Bei so viel Liebreiz einer Julia muss man ja voll auf Touren kommen. Nun muss der Donner ertragen werden, und der bringt sich gewaltig zum Austrag.

    Auf der Bildfläche erscheint eine kläffende, keifende, völlig überdrehte Lady Capulet: Vera Kreyer bringt sie hinreißend. Aber dann stehen da noch vier weitere Figuren hinter ihrem Namen, die sie alle in raschem Wechsel verkörpert, und mit ihr noch vier weitere Darsteller, sechs also an der Zahl, vierundzwanzig Rollen insgesamt verkörpernd, prägnant vor allem Stefan Plepp, der der Amme von Julia einen ulkig-tuntigen Stempel auf drückt, um dann sogleich sich in der Rolle des streitbaren Tybalt zu präsentieren. Sie alle erscheinen dann plötzlich als Mönche und stimmen gregorianische Gesänge an; also singen können sie auch, und jeder spielt ein Instrument, von der Trommel bis zur Trompete und tiefen Tuba.

    Wenngleich die Bühne leer ist, reicht sie ihnen nicht aus. Sie wuseln und wirbeln durchs Publikum, holen Gäste auf die Bühne, um mit ihnen ein Tänzchen zu wagen. Hier trifft zu, was Peter Zadek sagte: "Englisches Theater kommt vom Zirkus, deutsches von der Universität." So waren denn nicht nur Romeo und Julia zu besichtigen, sondern ein breites Spektrum von Charakteren, für die das Liebespaar gleichsam die Folie zu ihrer Entfaltung lieferte. Hohes Lob gebührt dabei dem Regisseur Christian Leonard. Mit sparsamsten Mitten – drei einfachen Holzgerüsten – wusste er die Bühne zu gestalten und die Spieler darin mit höchster Wendigkeit zu mobilisieren. Ein besonderes Geschenk war auch die Übertragung des Textes von Shakespeare in die deutsche Sprache unserer Tage. Auch dafür zeichnet Christian Leonard verantwortlich. Alles in allem: Es war ein erfrischender, beglückender Theaterabend; wohl dem, der da war!

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