1. Die Bratbirne "wieder rauß geschickt"

    Kulinarische Mensa-Geschichten der "Sommeruniversitäten" von heute und gestern / Catering kommt bei Jugendlichen an

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    RINTELN (km). Über 300 angehende Studenten lassen sich in diesen Tagen in der Mensa im Gemeindesaal der Jakobi-Kirchengemeinde am Kollegienplatz verköstigen. Für Logistik, Service und Geschmack sorgt diesmal das Team vom "Dicken Heinrich" in Lüdersfeld. Und die "Provider" um Rolf Parno können sich durchweg über gute Kritiken freuen. Vor rund 300 Jahren sah das in der Mensa der echten Rintelner Universität (1621 bis 1809) - fast an gleicher Stelle - etwas anders aus: Obwohl die Speisekarte auf den ersten Blick einen recht üppigen Eindruck vermittelte, gab es immer wieder Grund zur Klage.

    Lecker: Für die Teilnehmer der Sommeruniversität gibt es am ersten Tag unter anderem Gyros, Zaziki - und die Kartoffeln aus der großen Pfanne.

    Überliefert ist ein Speiseplan aus dem Jahr 1698 - genau 50 Jahre nach dem Ende des 30-jährigen Krieges, als die große Not längst einer passablen Normalität gewichen war. Während die Schülerinnen und Schüler der Sommeruniversität am Freitag anno 2009 mit kleinen Leckereien verabschiedet werden sollen, gab‘s für die Studenten an jenem "Freytag" vor 311 Jahren schon am Morgen schwere Kost: Bohnen, Rindfleisch und Schweinefleisch standen auf dem Programm. Ganz ähnlich auch das Abendbrot mit "Erbssuppe", Butter, Ziegenfleisch und Rinderwürsten, wobei letztere von dem lakonischen Vermerk eines Stundenten ("nichts") als nicht besonders schmackhaft entlarvt wurden. Während die jungen Leute von heute ansonsten im Lauf der Woche die Wahl zwischen Vegetarisch, Vollkorn, Nudeln, Kartoffeln, Fisch oder Schnitzel haben, gings bei ihren Vorgängern (im Schnitt gleichen Alters, manche Studenten waren sogar erst 15 Jahre alt) durchweg deftig bis derb zu. Hunger leiden jedenfalls musste ganz offensichtlich niemand, wie der Speiseplan der Kommunitätsküche beweist. So gab‘s bereits am Sonntagmorgen gleich drei Sorten Fleisch - die auch nach mehreren Rechtschreibreformen immer noch identifizierbar sind: Rindfleisch mit Kohl sowieso, dazu Schaaffleisch und Hamelbraten ("welcher noch voller Blut und hart"). Am Abend wurden Rinderbraten, Salat, "Quetschen" und Butter aufgetischt. In die Woche starteten die Studenten wiederum mit einem rustikalen Montagmorgen-Menü: Fietzebohnen, Aale und Schaaffleisch brachten Energie ins Gehirn und frischen Dampf auf den Füller. Am Abend sorgten große Bohnen, Schweinefleisch und "Rampen" für die richtige Bettschwere - die mit einigen Gläschen Dünnbier noch veredelt wurde. Die weiteren kommentierten Highlights der kulinarischen Woche: Buchweitzengrütze ("welche ganz unrein"), frische Schweinewürste, Rindfleisch, Suppe ("wegen Saltzes überfluß"), Schweinefleisch, Saureßen, Bratbirne ("wieder rauß geschickt!"), Schaaffleisch mit Weißkohl, Hiersesuppe, ein Saurgericht ("von allerhand nutzenichts"), Blutwurst, Lungmuß, Schaafsbraten ("nicht zu genießen, hart"), Fietzebohnen, warme Birne, kalte Buttermilch, Rindfleisch mit Wurtzeln, Kuhfuß, Ziegenfleisch ("das Gericht vom Euter"), Brot und Käse und als Getränk wiederum dünnes Bier.

    Apropos Bier: Neben der Mensa mit ihren ganzen Leckereien gab es seinerzeit auch einen "Karzer", in dem es ganz und gar nicht gemütlich zuging. Bekanntschaft mit dem Universitäts-Gefängnis machten etliche jener Studenten, die gegen die Universitätsstatuten von 1621 verstießen. Darin heißt es unter anderem: "Wer einen Neuling oder sonst einen Kommilitonen in und außer der Stadt zum Saufen, Schlemmen und Huren mit sich schleppt oder in sonst eine Ausschweifung und schlechte Gesellschaft lockt und darin verstrickt, soll wegen solchen Verführens in den Karzer wandern und erst nach Entrichtung von zwei Reichstalern daraus freikommen."

    Auch jenen zahlreichen akademischen Trunkenbolden, die durch Randale auffielen, drohten schließlich harte Konsequenzen: "Wer nach neun Uhr an der Haustür lärmt und entweder versucht, sie aufzubrechen oder die Fenster einzuschlagen," heißt es in der Verordnung, "soll für solche Frechheit mit Karzer oder noch strengerer Strafe gebüßt werden." Foto: km

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