BAD NENNDORF. Dies dürfte ein Schlüsselwort sein des Stückes, für das das Rheinische Landestheater Neuss den Mut fand, es auf die Bühne zu heben: "Ich habe nachgedacht", anzutreffen in dem Stück "Fettes Schwein" von Neil Labute. Weder ist es ausgewiesen als Komödie noch als Tragikomödie, wie zu lesen war, weil es einfach keines von beiden ist. Alles was gezeigt wird, entspricht dem abstoßenden Titel (Fat pig = fettes Schwein): Alles ist schlicht große Scheiße. Aber, aber! Das ist doch die Sprache der Gosse, Fäkalsprache. Jawohl, das ist sie, abgelauscht aber eben jenem Sprachniveau, auf das sich das Ohr gefälligst einzupeilen hatte, wenn man entschlossen war, knapp zwei Stunden zuzuschauen und zu lauschen. Die Furcht des Veranstalters, das Haus könnte deswegen leer bleiben, erwies sich als unnötig: Wie selten zuvor war der Saal proppevoll.
Aber zurück zum Schlüsselwort "Ich habe nachgedacht". Am Ende des Stückes ist es zu vernehmen von eben jenem Typ, der als schlanker, ranker sonny boy sich zuvor hatte begeistern lassen von einer wunderbaren Frau, wohlgemerkt: wunderbar - nicht wunderschön. Was kümmerte es Tom, dass Helen Rundungen im Übermaß mitbrachte! Ihre Lieblichkeit, ihre Unmittelbarkeit, ihre Ehrlichkeit, ihr verzauberndes Lächeln loteten tief hinab in das Reich des Geistes und der Sinne, die sich sogleich als Quell der Liebe auftaten, für die dann alles, was äußerlich wahrnehmbar war, nur noch als schön empfunden werden konnte. Das vorzuführen, waren Katja Thiele und Kaspar Küppers erfüllt vom Empfinden, füreinander allein da zu sein, und wie auf einer Insel der Seligen schweben die beiden auf einander zu. Großartig die Leistung von Katja Thiele als Helen, bezwingend das auf Reaktion angelegte Agieren von Kaspar Küppers (Tom).
Aber: Insel hin – Insel her, Tom und Helen leben nun mal im Strom der Zeit. Die Umwelt spielt harsch mit, ja, sie spielt ihnen übel mit. Ohne sie je gesehen zu haben, stempelt der Herr Kollege Carter Toms neue Freundin sogleich als Schlampe ab. Mit ihr degradiert Carter zugleich auch Tom; Carter ist also der Typ, der Tom aufbegehren lässt, anfangs mit Wallungen von Wut und Entrüstung, Dann aber geht das Denken los. Brutal rückt Carter dem Kollegen zu Leibe, eiskalt, nonchalant, herablassend. Nuancenreich kriegt Felix Lambert das hin. Damit aber nicht genug der Umwelt: auch Jeannie sticht zu, versetzt von Tom, den sie nur zu gern für sich okkupieren möchte. Birte Rüster zieht dabei alle Register der Emotionen, entlädt diese in Sturzbäche von Wortfetzen, die wahrhaftig unter die Haut gehen. Unter die Haut geht am meisten das "Fette Schwein".
Kaum rastet das so genannte Umfeld ein im Hirn von Tom, geht die Beziehungskiste in die Brüche. Wer ist also dieser Tom? Ein Feigling, ein Schlappschwanz! "Ich habe nachgedacht": Pustekuchen! Gekniffen hat er! So muss er zum Spielball werden von Bedrückern, deren Druck die Dämme der Liebe brechen lässt, die er zu Helen hegte. Grenzenlos die Enttäuschung von Helen. Katja Thieles Gesicht versteinert, versunken in tiefste Kümmernis, außen keine Tränen zu sehen, aber man sieht sie förmlich nach innen rinnen, da ist Raum genug für sie. So wird Helen, die Wunderbare, den Zuschauern in Erinnerung bleiben, ein ergreifendes Finale. Stille, Stille, dann bewegter Beifall, dieser auch dank einer empfindungsreichen Inszenierung von Sylvia Richter. Oskar Wedel