RINTELN (km). Ein "kleines Wunder" entdeckte Dr. Peter Neumann kürzlich im Rintelner Museum "Eulenburg": Der Superintendent i.R. konnte nach eingehenden Untersuchungen beweisen, dass es sich bei einem Papierfetzen, den ein Schüler vermutlich am zehnten November 1938 auf dem Nikolai-Kirchplatz gefunden hatte, um ein Überbleibsel der sogenannten "Reichspogromnacht" handelt, bei der am Tag zuvor auch in Rinteln zahlreiche jüdische Bücher und Gegenstände verbrannt worden waren.
Dr. Peter Neumann konnte das Fragment jetzt als Bestandteil der
Thora-Rolle aus der Rintelner Synagoge identifizieren. Die Thora (die den fünf Büchern Mose entspricht) ist im Judentum der wichtigste Teil des Thanak (Erstes Testament der christlichen Bibel) und dem Judentum besonders heilig. Aus der Thora-Rolle, die im Thora-Schrein untergebracht ist, werden die gottesdienstlichen Abschnitte gelesen. Der Thoraschrein befindet sich an der nach Jerusalem weisenden Seite der Synagoge.
Die Bedeutung des Fragments erachtet Neumann aus zwei Gründen als besonders wertvoll: Einerseits sei es offenbar der einzige Überrest der Thora-Rolle der ehemaligen Rintelner Synagoge, andererseits enthalte es eine Aussage über die Einzigartigkeit des Gottes Israels, über den Monotheismus - im Unterschied zu der damals umgebenden, polytheistischen Völkerwelt, die an eine Vielzahl von Göttern geglaubt habe.
Das winzige Stück Papier enthält nur fünf vollständig erhaltene hebräische Worte und einige Wortteile, die Dr. Peter Neumann dem 5. Buch Mose, Kapitel 32, Verse 38-41, zuordnen konnte. Besonders wichtig sei der Vers 39, der eine Aussage über die Einzigartigkeit Gottes enthalte. Das zweifache "ICH ICH" mache das deutlich: "Sehet nun, dass ICH ICH es bin. Es gibt keinen Gott neben (außer) mir," überssetzte Neumann. Im Kontext der Verse 36 bis 39 gehe es darum, dass der einzigartige Gott seinem Volk Israel helfen werde im Abwehr-Kampf gegen die Feinde. In diesem Kampf würden den anrückenden Völker die Vielzahl ihrer Götter nichts nützen, wie sich aus Vers 37 interpretieren lasse: "Wo sind denn ihre Götter, ihr Fels, auf den sie trauten..." -
Neumann hatte die Textstelle im Frühjahr 2008 in der hebräischen Bibel geortet und entziffert. Das Fragment hatte er - auf dem Kopf stehend und mit der fälschlichen Überschrift "1 Stück vom Talmud" - im Museum Eulenburg entdeckt und festgestellt, dass "Talmudim" auslegende und belehrende Schriften seien, die erst nach Vollendung des hebräischen Kanon entstanden seien. -
Dr. Peter Neumann hatte nach dem Studium der Theologie im Rahmen eines Forschungsprojektes am Altestamentlichen Seminar der Universität Hamburg zum Dr. theol. promoviert und vertretungsweise ein Jahr biblisches Hebräisch unterrichtet. Neben seiner Pfarrstelle in Stade und seiner späteren Funktion als Superintendent des Kirchenkreises Grafschaft Schaumburg war er 15 Jahre lang Lehrbeauftragter für alttestamentliche Bibelkunde an der Theologischen Fakultät der Universität Hamburg. Foto:km