HANNOVER (ro). Platz 13 - drei Punkte Differenz zu einem Abstiegsplatz und noch drei ausstehende Partien bis zur Weihnachtspause und dem Abschluss der Hinrunde. Ein Glücksfall ist diese Platzierung beileibe nicht, der Daumen der sportlichen Tendenz und der Fanbegeisterung zeigt klar in eine Richtung: Nach unten! Die 0:4-Blamage bei Eintracht Frankfurt nährte nur den neuen Kosenamen von Hannover 96: Äuswärts-Schlaffis! Die sechste Niederlage im siebten Spiel auf fremden Platz. Hannover ist letzter der Auswärtstabelle mit nur einem Punkte und zwei Toren. Die Leistung in Frankfurt gruselte nicht nur den mitgereisten Fans, sondern auch jenen vor den Bildschirmen in der Region. Die Leblosigkeit des Teams gegen einen Gegner auf Augenhöhe wirkte schon beängstigend. Kein Kampf, keine Leidenschaft - so präsentiert sich ein Absteiger. Diesen Mangel kaschierte auch die totale Defensivtaktik mit drei defensiven Mittelfeldspielern vor der Viererkette nicht. Noch viel schlimmer ist die Tatsache, dass kaum ein Spieler auf dem Platz präsent ist. Bis auf Dauerläufer Szabolczs Husti bietet sich kaum jemand an. Eine effektive Spieleröffnung ist von daher nicht möglich. Offensive Aktionen entspringen so verstärkt nur dem Zufall oder aus den wenigen Standardsituationen heraus. Die Qualität der Einzelnen kann doch nicht so einfach kollektiv ins Mangelhafte absinken. Der Kopf scheint einfach nicht frei, um wichtige Impulse zu setzen. Diese scheinen nun aber bitter nötig, wenn noch ein paar Punkte herausspringen sollten.
Trainer Dieter Hecking hat nun versucht in einer offenen Aussprache die Köpfe "zu lüften". Am Sonntag gab es ein dreistündiges Gespräch in der Kabine. Die sportliche Leistung hofft nun auf den Turnaround. Präsident Martin Kind sieht in jeder Krise auch eine Chance für die Beteiligten. Angesichts der Gesetzmäßigkeiten der Branche ist es für den Trainer sicherlich die Letzte. Kind sieht die Vorgehensweise von Hecking positiv. "Er hat Stehvermögen und keine Bunkermentalität, sondern öffnet sich.” Jetzt müssen aber einfach Ergebnisse kommen.
96-Coach Hecking hatte nach dem Remis gegen den VfL Bochum auf drei Positionen umgestellt. Für Mikael Forssell (Schulterverletzung), Jan Schlaudraff (Leistenbeschwerden) und Gaëtan Krebs, dem unter der Woche Magen-Darm-Probleme zu schaffen machten, kehrten Hanno Balitsch (nach Gelbsperre), Arnold Bruggink und Mike Hanke ins Team zurück. Dabei rückte Letzterer erstmals seit dem 2. Spieltag wieder in die Startelf der Roten. Das Dilemma in Frankfurt brachte Hecking erneut auf einen altbekannten Nenner: "Wir haben im Moment weder vor unserem Tor, noch vor dem gegnerischen die nötige Konsequenz.” Nikos Liberopoulos traf für die Hessen doppelt (25., 86.), Marco Russ (40.) und Martin Fenin (90 +2) je einmal.
Das 1:0 verschuldete Hanke durch Inkonsequenz in der Deckungsarbeit. Markus Steinhöfer brachte eine Ecke von links in den Fünfer der Roten, wo sich Nikos Liberopoulos konnte und den Ball mit Kopf und Schulter in die Maschen drückte. In der Folge agierte Frankfurt zusehends selbstbewusster und ließ die Hecking-Elf wenig Raum zur Entfaltung. Passende zur Gesamtsituation auch die Schläfrigkeit im Deckungszentraum: Zunächst bugsierte Martin Fenin den Ball nach Flanke von Michael Fink an die Latte, den Abpraller nutzte Abwehrspieler Marco Russ per Kopf zur 2:0-Führung (40.). Vor dem Seitenwechsel hatte die Eintracht sogar noch weitere Möglichkeiten: Rechtsverteidiger Ochs, der sein 100. Bundesligaspiel bestritt, bediente den jungen Steinhöfer, der jedoch scheiterte an Fromlowitz. In der Nachspielzeit vergab Fenin infolge eines leichten Ballverlustes von Balitsch aus spitzem Winkel (45. +2).
Hecking versuchte mit Auswechselungen den Hebel herumzulegen. Er brachte Sergio Pinto für Basti Schulz in die Partie. Hannover 96 hatte fortan mehr Ballbesitz als die Hausherren, blieb aber zu Beginn der zweiten Hälfte nur optisch überlegen. Im weiteren Verlauf war 96 immer seltener in der Lage, Akzente in Richtung Eintracht-Kasten zu setzen und Passabnehmer in der Spitze zu finden. Für Aufregung sorgte vielmehr Schiedsrichter Günter Perl, der nach einem Zweikampf zwischen Hanke und Bellaid zunächst auf den Elfmeterpunkt zeigte, die Entscheidung nach Absprache mit seinem Assistenten Josef Maier jedoch zurücknahm (83.).
In den letzten Minuten der Begegnung sorgte Funkels Team endgültig für Klarheit: Fenin nutzte einen Fauxpas von Christian Schulz und spielte im Strafraum überlegt auf Sturmkollege Liberopoulos, der nur noch zum 3:0 einschieben musste (86.). Kurz vor Ende der Partie zeigte sich Hannovers Verteidigung erneut löchrig, als Ochs auf den zweifachen Vorbereiter Fenin durchstecken konnte und der Tscheche selbst zum Torschützen avancierte (90. +2).
"Das Fazit fällt natürlich ernüchternd aus, wenn man 0:4 verloren hat - und das gegen einen Gegner, der sicherlich auch nicht seinen besten Tag hatte. Wir lassen momentan die Konsequenz vermissen Tore zu verhindern, geschweige denn selbst welche zu machen. Es stimmt mich nachdenklich, dass die Eintracht gar nicht viel machen musste, um zu Torerfolgen zu kommen. Natürlich hatten auch wir nicht die großen Torchancen, aber wenn ich dann sehe, wieviele Bälle im und um den Strafraum aufticken können, ohne dass wir mal hingehen, dann ist das etwas, wo wir den Ansatz suchen müssen - und das hat nichts mit der personellen Situation zu tun. Da erwarte ich einfach viel mehr Biss, viel mehr Leidenschaft und dass wir mehr dagegenhalten. Wenn wir in dieser Hinsicht nicht langsam auf den Weg kommen, dann wird das ein ganz schwieriges Jahr für uns”, bilanzierte Hecking.