BAD NENNDORF. Er nimmt sich schon allerhand heraus, der gute Ephraim Kishon. Wird Shakespeare doch glatt von Kishon auf den Kopf gestellt, indem er glatt behauptet: Es war die Lerche. Shakespeare hingegen lässt Julia sagen: "Es war die Nachtigall und nicht die Lerche!" Sollte Kishon vielleicht doch Recht behalten? Kündet doch die Lerche den Morgen an und damit den Tag mit seinen Plagen, hinter sich lassend die Lust der Nacht, in die hinein "die Nachtigall Verliebten liebevoll ein Liedchen singt" (Goethe). Vom Tag mit seinen Plagen, vielmehr Hunderten von Tagen mit Hunderten von Plagen, wie sie sich über einen Zeitraum von dreißig Jahren ergeben, handelt Kishons Stück. Weil auf der Bühne alles erlaubt ist, lässt Kishon Romeo und Julia einfach weiter leben. Und so überlässt die Nachtigall der Lerche das Terrain.
Wonnige Liebesnächte sind vergessen, zum Trällern der Lerche gesellt sich nun der schrille Schrei des Hahns. Ein missgestimmter Romeo rekelt sich aus dem erkalteten Ehebett, mit gezieltem Schritt steuert er auf die alternative Geliebte zu, auf Lisa, die geliebte Wärmflasche, die wohl wärmt, primär aber von innen. Entsprechend mault und nörgelt, greint und keift Julia. Oliver Beck und Annette Baldin weist das Programm aus, er Romeo, Julia sie. Unglaublich, was die beiden auf der Bühne zu leisten haben! Wogen von Worten überrollen sie, gepfeffert mit Vorhaltungen, saftigem Aufbegehren, Anflügen von Zärtlichkeiten.
Die mal von diesem, mal von jenem Partner wieder verworfen werden. Romeo, fast nicht wissend, wohin mit seiner Länge, tapst dabei zumeist schlurig durch die Gegend. Julia liefert beides: sprudelnde Koketterie, larmoyante Nostalgie und kreischendes Aufbegehren. Welche Dicht des Ausdrucks bei Annette Baldin! Nicht genug damit: Nach den Weisungen von Kishon muss sie auch noch die ausgeflippte Tochter Lukretia spielen, zumeist in Gedanken versunken und in völliger Hingabe an "Willi", alias William Shakespeare persönlich, den Kishon auch mit auferstehen lässt, einen rechten Luftikus, der absahnt, wo es nur geht.. Stefan Liebermann gefällt sich in dieser Rolle und dem Publikum nicht minder.
Doppelt gefordert ist auch Oliver Beck. Nach dreißig Jahren, die vergangen sind, seit Pater Lorenzo die beiden heimlich traute, füllt Oliver Beck ihn mit neuem Leben, aufgeladen mit liebestoller Lust, es der von Romeo ausrangierten Julia noch einmal richtig zu zeigen: ein echtes Husarenstück!
Grandios also die Leistung der drei Darsteller. Grandios auch die Idee, Romeo und Julia auf lange Strecken sich im Ehekrieg beharken zu sehen? Gewiss auch das, wenn auch vielleicht ein wenig zu extensiv. Keineswegs gemindert wurde aber dadurch der Beifall: er war überschwänglich.
Oskar Wedel