RINTELN (ste). Heiko Wiebusch vom Büro GfL Planungs- und Ingenieurgesellschaft aus Hameln, als zuständiger Ansprechpartner für die Vergabe von LEADER-Mitteln, hatte im Brückentorsaal keinen leichten Stand. Er versuchte die Sinnhaftigkeit einer Radwegeführung am Weserufer durch das Rintelner Weserangerbad darzustellen, mahnte dazu unverhältnismäßig oft "Sachlichkeit" an und stellte sich selbst als in dieser Frage neutral dar.
Das nahmen ihm die rund 100 anwesenden Bürgerinnen und Bürger, fast durchgängig strikte Gegner einer solchen Durchleitung, nicht ab; vorneweg Gert Armin Neuhäuser, der Wiebusch im Gerichtsdeutsch "Befangenheit" vorwarf und der Stadt Rinteln eine Anfrage übersandte, die zum Ziel ein Stoppen des Projektes hat. Für die Gegner der Durchleitungsvariante, darunter auch Sebastian Westphal von der CDU, hat das Weserangerbad ein Alleinstellungsmerkmal vor vielen oder sogar allen anderen Bädern der Region: "Die freie Sicht und der freie Zugang zur Weser!" Dieses Privileg wollten sie freiwillig nicht aufgeben und sahen auch nach der von Wiebusch professionell dargestellten neuen Wegeführung die Kosten von 45.000 Euro, die die Stadt aus eigenen Mitteln dafür tragen müsste, als rausgeschmissenes Geld an.
Konflikte entstehen auf der Weserbrücke zwischen Radlern und Fußgängern.
Ob der Radweg nun durch das Weserangerbad geführt wird oder nicht, darüber berät noch einmal der Verwaltungsausschuss, ließ Bürgermeister Karl-Heinz Buchholz über seinen Baudezernenten Reinhold Koch verlauten. Im Bauausschuss hatte es mit 5:4 eine knappe Mehrheit für diese Variante gegeben; im VA stimmte einzig die CDU gegen das Projekt.
Bei nüchterner und angemahnt sachlicher Betrachtung sind zumindest die Zahlen, die Wiebusch für den Weserradweg bekanntgab, es Wert, dass man über eine Aufwertung des Radweges nachdenkt; in welcher Form auch immer.
150.000 Menschen befahren den Radweg Jahr für Jahr und bringen damit im besten Fall auch ordentlich Geld in die Stadt als Konsumenten, was die heimischen Gewerbetreibenden und dabei insbesondere die Gastronomen freut. Außerdem hat der Radweg unbestritten eine Erholungsfunktion für die Region, denn viele Radler und Spaziergänger nutzen den Weg für einen Tagesauflug. Doch die touristische Visitenkarte, die Rinteln seinen Besuchern mit der Radwegeführung und Ausgestaltung gibt, ist eher bescheiden. Von Engern kommend führt der Weg an der rückwärtigen Seite des Kanuclub vorbei und umkreist das Freibad bis zu dessen Eingang. Und dort gibt es bereits die ersten Konflikte mit den Freibadbesuchern. Dann führt der Weg über den vielbefahrenen Parkplatz (Konflikt Nummer zwei) und weiter über die Dankerser Straße in Richtung Weserbrücke, um dann im Zick-Zack-Kurs bei Woolworth (Konflikt Nummer drei) in Richtung Bruno Kleine geführt zu werden und dann linksseitig entlang der Hartler Straße Richtung Doktorsee weiter zu laufen. Suboptimal, wie Wiebusch erklärte.
"Die starke Konkurrenz am Elberadweg schläft nicht", wusste er und forderte Investitionen, um dem beliebtesten Radweg der Nation nicht den Rang ablaufen zu lassen. Deshalb, so Wiebusch, sei das Projekt "WeserErleben" aufgelegt worden, das drei Säulen beinhalte. Zum einen die Aufwertung der Weserpromenade auf der Südseite der Weser, zum anderen die Rundwanderwege Alter Hafen, Weseranger und Doktorsee und zum Dritten die Neuordnung des Fernradwegenetzes. Darunter würden auch die Maßnahmen zur Verlegung des Radweges Weser durch das Freibad fallen und von der EU mit LEADER-Mitteln unterstützt.
Die Vorteile für die Touristen seien mit nicht zu übersehenden Nachteilen für die Freibadbesucher zu erkaufen, gestand Wiebusch. Die Badenden genießen nämlich bislang das Privileg des schönsten Blickes auf die Stadt. Dem Mehr an Weser erleben der Radtouristen stände ein Verlust an Ruhe und Liegeplätzen im Freibad gegenüber, so Wiebusch, der im Anschluss auch noch eine "Kleine Variante" zur Auswahl hatte. Bei der würde der Radweg weiter um das Freibad herum geführt und erst ab der Kasse auf eine neue Wegeführung geleitet.
Die Bürgerinnen und Bürger im Brückentorsaal machten ihrem Ärger über die Planung im Anschluss so richtig Luft. Die Einzäunung der Freibadbesucher, die grundsätzliche Frage, wofür Steuergelder ausgegeben würden, die Frage des Nutzens dieser Maßnahme für die Stadt und vieles mehr stand zur Diskussion. Gisela Güffens hatte zu einer Unterschriftenaktion gegen die "Zerstückelung" des Freibades aufgerufen und forderte unter dem Beifall der Zuschauer "Kein Fahrradweg durch das Weserangerbad".
Aus Reihen der SPD, bislang Befürworter des Projektes, hieß es, dass die Geschlossenheit bröckele. Bleibt also abzuwarten, wie sich der VA in seiner nächsten Sitzung dieser Frage stellt. Vom Eis ist die Kuh noch lange nicht; egal von welcher Position aus man die Kuh betrachtet. Foto: ste