1. Wie die Fahnenweihe eines Schützenvereins

    Rintelner Kolleg Musikerziehung übt heftige Kritik an Zauberflöten-Inszenierung / Herrmann über schlechte Witze und schlimme Entgleisungen

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    RINTELN (km). Seit über 40 Jahren organisiert das Rintelner Kolleg Musikerziehung Operfahrten. Inge und Werner Herrmann haben in der Zeit Tausende von Schülern und Erwachsenen begleitet. Nur selten gab es dabei Grund zur Kritik. Das hat sich zuletzt - mit der zunehmenden Anzahl "moderner" Inszenierungen geändert. Am Pranger stehen mittlerweile auch solche Klassiker wie Mozarts "Zauberflöte". Warum die Rintelner Musikfreunde sogar mit Boykott drohen, hat Werner Herrmann jetzt in einem offenen Brief an die für die Inszenierung verantwortliche Regisseurin Elisabeth Stöppler vom Opernhaus Hannover formuliert.

    Werner Herrmann, Rinteln

    Geehrte Frau Stöppler!

    Nachdem ich Ihre "moderne" Inszenierung der "Zauberflöte" zweimal - und die Lehmann‘sehe zirka zwanzig Mal - gesehen habe (ich habe seit 1965 Tausende von Schülern und Erwachsenen in die Oper geführt), möchte ich mir doch ein Urteil über Ihre Inszenienmg erlauben. Der Gedanke, die Entführung Paminas schon während der Ouvertüre erkennbar werden zu lassen, mag mit dem Sandkastenspiel gut gemeint sein. Bei der ersten Aufführung zum "Vorkosten"‘ist mir der Sinn nicht klar geworden, und die 5O Teilnehmer der späteren Gruppenfahrt bestätigten mir, dass sie dies ohne meine vorherige Erklärung im Bus auch nicht erkannt haben würden.

    Das uns aber der Sandkasten während der ganzen Oper erhalten blieb, mit Vorhängen verkleidet als Weisheitstempel und mit dem Schaukelgerüst als Tor zu den Prüfungen, Eingang zum Tempel und Baum, an dem Papageno sich aufhängen wollte, strapaziert das Vorstellungsvermögen doch erheblich! Was bezwecken Sie damit, Schlange und wilde Tiere, die Tamino zum Hilferuf veranlassen, durch eine Anzahl "wilder" Frauen zu ersetzen, die ihm auch noch "an die Wäsche" gehen? Man fragt sich überhaupt, was das oftmalige Ausziehen und Anziehen der Jacken bedeuten soll. Und dann die drei Knaben: Haben die nicht eigentlich die Aufgabe einer Schutzengel-Funktion? Was soll die Maskerade als Indianer, Ritter und Clown?

    Die Feuer- und Wasserprobe von Tamino und Pamina mit Wunderkerzen und Seifenblasen ist ein schlechter Witz, und die beiden "Geharnischten" vor dem Gerüst-Tor sind Karikaturen in heutiger Alltagskleidung. Was soll die normal-bürgerliche Kleidung der heutigen Zeit aussagen? Wenn Sie das Sujet quasi als Märchen betrachten, dann ist es wohl doch nicht angebracht, es optisch in die heutige Zeit zu verfrachten, und wer als Opernbesucher den inneren, tieferen Sinn einer Oper, eines Schauspiels nicht in unsere Wirklichkeit übertragen kann, dem ist auch nicht mit solchem Firlefanz zu helfen. Trauen Sie dem Publikum keine Erkenntnisfähigkeit zu, wenn die Akteure in Kostümen der Oper-Entstehungszeit auftreten?

    Natürlich müssen Papagena und Papageno sich fast ganz ausziehen und aufeinander rutschen. Ohne solche erotischen Knüller kommt heute ja kaum noch ein Regisseur aus - und diese Szene der Kinderwünsche verleitet ja dazu, die kann man nicht nur verbal so belassen.

    Die schlimmste Entgleisung ist für mich der Auftritt der "Eingeweihten Priester" als gebrechliche "Oldies" in Hemdsärmeln und mit Krückstöcken. Sind Sie der Meinung, die Einweihung wäre so ein Akt wie die Fahnenweihe eines Schützenvereins? Dies zeigt mir, dass Sie von dem Vorgang nicht die blasseste Ahnung haben und damit Mozart auch nicht gerecht werden.

    Die Sängerinnen und Sänger waren zum Teil ausgezeichnet bis auf den Sarastro, der im gesprochenen Text seine Schwierigkeiten mit der deutschen Aussprache hatte und dessen Gesangsstimme so guttural-basal und übertrieben "in die Maske" gedruckt war, dass man ihn kaum verstehen konnte. Auch dass er sich am "Trinkgelage" mit Papageno beteiligen musste, war ein Hohn auf seine Würde, die ihm in seiner Stellung zu eigen sein sollte. Können Sie diese wichtige Partie nicht mit einem deutschen Sänger besetzen? (Die Frage ist nicht ausländerfeindlich!!)

    Wenn Sie Ihre Gesprächsüberlegungen über die Hintergründe und die Charakteristik der Personen (die im Programmheft abgedruckt sind und vor der Aufführung unmöglich durchgelesen werden können) in Ihre Inszenierung einfließen lassen wollten, so ist das gründlich misslungen. Was würde das auch für die Aufführung bedeuten?

    Die meisten Mitfahrer sprachen sich auf der Rückfahrt nach Rinteln sehr enttäuscht über die Inszenierung aus, vor allem die, die die "alten" Aufführungen gesehen haben. Auch Herr Lehmann war nicht immer unumstritten, aber von Ihnen doch meilenweit entfernt. Und auf den Punkt gebracht: Wenn man am liebsten die Augen schließen und sich nur an der Musik erfreuen möchte, kann man auch zu Hause bleiben und eine CD anstellen. In der Puhlmann-Ära haben das ja wohl auch einige tausend Abonennten gemacht, und wenn Sie so weiter machen, führen wir keine Opernfreunde mehr nach Hannover.

  2. Kommentare

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