VARENHOLZ (km). Unter dem Thema "Die 15 Gebote des Lernens" fand jetzt eine schulinterne Lehrerfortbildung der privaten Ganztags-Realschule Schloss Varenholz statt. Dozent war der renommierte Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Peter Struck aus Hamburg, der gleich zu Beginn der vierstündigen Veranstaltung verdeutlichte, dass Deutschland im internationalen Vergleich der Heranwachsenden in den letzten Jahren zwar deutlich habe zulegen können, aber trotzdem noch einen weiten Weg vor sich habe. Insbesondere das europaweit einmalige Phänomen, dass ein Drittel der deutschen Kinder der Klassen 4 bis 9 in diesem sechs Jahre dauernden Zeitraum keinen Lernzuwachs mehr erzielt habe, sei höchst bemerkenswert und alarmierend. Die Bundesländer Bayern, Thüringen, Sachsen und Baden-Württemberg hätten im "Pisa-Kampf" zwar auf "Selektion und Erzeugen von Angst" gesetzt und damit im bundesinternen Vergleich die ersten Plätze erreicht. "Aus der Sicht des Erziehungswissenschaftlers ist das jedoch nicht der Weg, Kindern Spaß am Lernen, Erfolg und Selbstvertrauen zu vermitteln," kritisierte Struck. Vielmehr komme es darauf an, Wege aufzuzeigen, beziehungsweise zu ermöglichen, wie Lernen wirklich zum gewünschten langfristigen Ergebnis und Erfolg führe.
Professor Dr. Peter Struck stößt mit seinem Vortrag auf reges Interesse beim Varenholzer Lehrerkollegium.
Dazu der Experte: "Kinder lernen zum Beispiel besser, wenn sie selbst lernen, als wenn man sie belehrt. Wir müssen also unsere "Belehrungsanstalten" zu Lernwerkstätten umbauen. Auch lernen Kinder besser durch Handeln und Sprechen als durch Zuhören, also müssen sie mehr über Materialien und über Reden als bislang lernen dürfen. Was Schüler lernen sollen, lernen sie vor allem dadurch, dass sie es anderen zu erklären haben. Kinder lernen mehr von Gleich- oder Ähnlichaltrigen als von noch so guten Erwachsenen." Dabei sei es eine hervorragende Voraussetzung, zwei Jahrgänge (zum Beispiel die Klassen 1 und 3) in einer Lerngruppe zu unterrichten. Für Peter Struck steht deshalb fest, dass Kinder "in jahrgangsübergreifenden Lernfamilien mehr lernen als in altershomogenen Geburtsjahrgängen". -
Viele Anregungen und Fallbeispiele zur Reflexion des eigenen Handelns und Denkens gab es auch für die Lehrerinnen und Lehrer: Erst müsse der Lehrer Respekt vor dem Kind haben, dann erhalte er von ihm Respekt zurück, forderte Struck in seinen "Geboten". Dazu riet er: "Lehrer sind effizienter, und sie halten besser und länger durch, wenn sie nicht mehr Be-Lehrer, sondern Lernberater oder Coach sind." Und: "Gelassene Lehrer erreichen mehr als strenge oder gestresste."
Deutliche Signale gab es auch an die Bildungspolitik: Lernen brauche Zeit, deshalb reichten Halbtagsschulen für die komplexe, komplizierte und immer wissensstärkere Welt nicht mehr aus. Auch die offenen Ganztagsschulen schöpften ihre Möglichkeiten nicht voll aus, befand Struck. So würden in der wissenschaftlich nachgewiesenen starken Lernphase jüngerer Kinder von 14 bis 16 Uhr ausschließlich Hausaufgaben erledigt oder Spielangebote installiert - ein wirklicher "Input" finde nicht statt. Struck vertrat deshalb die Meinung, dass Klassen zu "Lernfamilien mit Werkstattcharakter" und Schulen zu Lerndörfern gewandelt werden müssten - zu Lebensmittelpunkten für junge Menschen, was Halbtagsschulen nie sein könnten. -
Abschließend stand Professor Dr. Peter Struck den Varenholzer Lehrerinnen und Lehrern noch zu einem Gedanken- und Erfahrungsaustausch zur Verfügung, bevor er die Einladung zum alljährlichen Candle-Light-Dinner der Schülerinnen und Schüler auf Schloss Varenholz annahm und sich mit einem Drei-Gänge-Menü aus der Schlossküche verwöhnen ließ.