1. Von Schlinge zu Schlinge

    "Rose Bernd" begeistert das Publikum / Nuancenreiche Entfaltungen

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    BAD NENNDORF. Wie sich die Bilder gleichen: Faust erfasst bei der Begegnung mit seinem Gretchen im Kerker ein längst entwöhnter Schauer: "Der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an." Christoph Flamm, der Losleger und Verführer von Rose Bernd sagt es etwas verhaltener: "Hauptsächlich tut mir das Mädel leid." Aus also ist es mit der fixen Idee, die Männerwelt um Rose Bernd als geile Potenzbrummer in eine Ecke zu stellen. So sehr sie das sind, sie sind es aber nicht nur. Und Rose Bernd selbst? Alle Männer waren hinter ihr her, sie hat sich versteckt, sie hat sich gefürchtet. Es half nichts: "Es ward immer schlimmer dahier, hernach bin ich von Schlinge zu Schlinge getreten, dass ich gar nicht mehr zur Besinnung gekommen." Und dann der Satz: "Wenn man bloß nicht so allein wär." Wer oder was waltet hier? Schnell kann man mit der Antwort aufwarten: die zerstörerische Kraft des Eros. Damit sind alle Personen ihrer Verantwortung enthoben.

    Das ganze nennt man: Naturalismus; denn so ist nun einmal der Mensch. Wenn die Kunst die Natur auch nicht wiederholt, so wird diese doch überhöht von ihr zur Darstellung gebracht, und den Zuschauer überfällt ein großer Schauder. Er ist entgeistert und gefordert durchzuhalten bis zum Ende. Das fällt umso leichter, wenn die Darsteller den Anforderungen des Autors genügen. Gerhart Hauptmann verlangt viel, und die Truppe vom Rheinischen Landestheater Neuss löst ein, was der Text ihr abverlangt. Allen voran natürlich Anna Warntjen: proper gebaut, blutjung, "ein bildschönes Frauenzimmer". Belustigt belebt sie die Szene während der ersten Minuten ihres Auftritts, hinter den Weiden muss wohl gerade die große Nähe stattgefunden haben. Vom Glück betäubt und zugleich eingeholt von der brutalen Wirklichkeit gerät sie alsbald ins Sperrfeuer eines sie zermarternden Umfeldes. Und da setzt denn auch die grandiose Leistung der Schauspielerin ein. Man nimmt ihr die Hingabe ab, man nimmt ihr moralische Bedenken ab, man glaubt ihr jeden Ausbruch von Zorn, Ekel, Verachtung, vor allem aber beeindrucken die Phasen völliger Verzweiflung, unter der sie schließlich zerbricht.

    Oskar Wedel

    Wie kann es auch anders sein!

    Kaum hat Christof Flamm seinem Eros Genüge getan, degradiert er die süße Rose zur "stupiden Gans", nur weil sich erste Bedenken regen. Hermann Große-Berg meistert den Protz, meistert aber auch den Betroffenen sowie den Heuchler und bedenkenlosen Agitator. Leichter dagegen hat es Raik Singer.

    Er muss sich damit begnügen, des weitgehend durchsexten Typen zu liefern, den er dann auch vor allem gegen den August Keil ausspielt. Er ist der vom Pietismus gezeichnete Verlobte von Rose, verklemmt und eben etwas zurückgeblieben. Nuancenreich entfaltet Jochen Ganser die Hilflosigkeit der an den Rand gedrängten Kreatur, die dennoch nicht aufgibt und bereit ist, mit Rose durch Dick und Dünn zu gehen. Schließlich Frau Flamm, an den Rollstuhl gefesselt, aber gerade dadurch nicht verhärtet und verhärmt, sondern voller Verständnis für Rose und ohne Verachtung für ihren Mann, über den sie alles zu wissen bekommt. Hergard Engert entwickelt aus der Enge des Stuhls heraus eine enorme Reichweite ihrer Regungen, die besonders durch die Deutlichkeit ihrer Sprache beim Zuhörer unter die Haut gehen. Bewundernswert das Geschick, mit dem sie ihr Mobil zu hantieren weiß.

    Für die Inszenierung zeichnet Sylvia Richter. Die "ebene fruchtbare Landschaft", wie Hauptmann sie möchte, wird vorgestellt durch eine Masse von Matratzen unter einem blühenden Weißdornbaum. Damit ist den Assoziationen der Zuschauer hinreichend Raum gegeben.. Das Publikum hielt gebannt durch bis zum Ende, betroffen schweigend, um dann umso ehrerbietiger gebührenden Beifall zu entrichten.

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