BAD NENNDORF. Lydia, wegen ihres Liebreizes auch Prinzessin genannt, stellt sich der Forderung, Einbrüche in ihrem Leben nicht als Verhängnis zu deuten, sondern als Herausforderung, ihnen zu begegnen. Beginnen wir daher mit dem Schluss des Stückes. Eine zauberhafte, kokette, charmante junge Dame, das leichte Leben liebend, verlässt mit einem dahergelaufenen Kind die Szene aus der Welt des lichten Sommers hinein in eine Welt ohne Ausblick. Wie heißt es in einer Stelle im Roman "Schloss Gripsholm"? "Die Prinzessin beugte sich nieder und verwandelte sich aus dem Sportmädchen von heute Morgen in eine Mama, nein, sie war beides." Ja, beides steckt eben drin im Menschen, nicht nur das eine wollen zu dürfen, sondern auch das andere wollen zu müssen, ja, zu müssen. Denn wer kann etwas unternehmen gegen die schreckliche Frau Adriani, der als einer despotischen Heimleiterin das Mädchen Ada entläuft in die Arme einer lebensfrohen, vom Eros aufgeladenen Runde? So wenig es die Adriani zu geben bräuchte, so sehr ist sie eben doch da und gestaltet Schicksal, böses Schicksal. Ahnte Tucholsky schon im Jahre 1931, was zwei Jahre später in Deutschland kommen würde?
Oskar Wedel
Nur von der Adriani her ist es vorstellbar, dass die Bühnenfassung von Swentja Krumscheidt an Zugkraft gewann. Wie soll denn auch Dramatik, wie Kurzweil und Spannung aufkommen, wenn bis zur Hälfte des Stückes, dem Roman entsprechend, die berüchtigte, fast schon zur Farce verzerrte Leichtigkeit des Seins mit gnadenloser Ausschließlichkeit traktiert wird! Welche Herausforderung für die Regie, ebenfalls in der Hand der Autorin, Aktion in die Welt der beschaulichen Idylle zu bringen. Es gelingt. Da wird gerangelt, getänzelt, scharwenzelt, gekost, palavert und geschwiegen, ja, auch geschwiegen. Augenfälliger Wechsel der Kostüme lässt das Auge zu seinem Rechr kommen. Wissen doch die Damen ihre Reize auszuspielen, wenn ihnen die Regie vorschreibt, den Badeanzug der "goldenen Zwanziger" anzulegen. Ulrike Knobloch und Regine Leitner bringen erstaunliche physische Mobilität auf die Bretter und verstehen es, so zart den gemeinsamen Liebhaber zu umgurren. Dafür hält Sascha Oliver Bauer als "Daddy" her, dem denn auch nicht entgeht, dass "Karlchen" (Daniel Sempf) mit seinem rigiden Charme keineswegs hinterm Berge hält. Nun ja, und dann eben die Adriani. Die blutjunge Anne Berg lässt den Zuschauer erstarren ob so viel Kälte des Herzens, das sich mit seiner ganzen Härte auf ihre Zunge legt.
Keine einfache Kost, die da im Kurtheater kurz vor Weihnachten geliefert wurde, eine Kost aber, die zu schmecken sich lohnte. Reicher Beifall bewies es. Foto: privat