1. "Ladylike" grassiert im Kurtheater

    Zahlreiche Zuschauer erleben einen vergnüglichen Abend

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    BAD NENNDORF. Wo bleibt die Übersetzung? Was heißt eigentlich "ladylike"? Es heißt: wohlerzogen, vornehm, diskret, feinsinnig, angemessen, geziemend, schicklich, sanftmütig. Waren die beiden Damen das, die das Spiel von Ingrid Noll bestimmten? Nein, das waren sie nicht! Sie waren das, was "ladylike" auch noch heißen kann: höflich, aber nur dem Scheine nach. Darauf hat Ingrid Noll es abgesehen, dem Publikum zwei Damen zu servieren, die sich geziemend geben, unter dem Kleidchen aber Grimm und Verachtung hegen. Zwar sind sie nicht mehr die mordenden "Ladies", die "beste Laune verbreiten, wenn sie sich dran machen, lästige und langweilige Störenfriede beiseite zu schaffen", wie noch im Roman "Die Apothekerin" von 1994.

    Im soeben aus der Taufe gehobenen Stück der über siebzigjährigen Autorin geht alles ein wenig sanfter zu. Die Damen halten sich in Andeutungen auf, wenn der humorvoll beklagte Tod des Mannes der einen fast weihevoll besungen wird. Alleine stehen sie nun beide da, eine Wohngemeinschaft, auch WG genannt, soll dem neuen Status neuen Sinn geben. Ingrid Noll sieht eine dickliche, etwas einfach gestrickte Frau vor, die sich nur schwer in die Rolle einer Dame, einer "Lady" eben, pressen lässt. In Karin Graf wurde sie entdeckt und vom "Westfälischen Landestheater" für die Rolle der Anneliese eigens angeheuert. Schicklich schickt sie ihren Umfang ins Rennen, macht in der Küche gut, was sie an finanziellen Aufwendungen nicht beizusteuern vermag, ganz im Gegensatz zu Lore (Ute Zehlen), deren gut gepolstertes Konto es ihr ermöglicht, die "grande dame" angemessen herauszukehren.

    Doch mögen Frauen auch belastbarer und kompromissbereiter zu sein, dann und wann brechen die Dämme und das Gift spritzt aus allen Poren, auch das Gift der fast schon tot geglaubten Erotik. Erscheint doch da ganz plötzlich auch Ewald noch auf der Bildfläche, ein Charmeur par excellence, der die Chemie bei den beiden Damen auf das heftigste aufzumischen versteht. Walter Theil, seinerseits frisch gebackener Witwer – hat da etwa jemand nachgeholfen? – sieht das Feld nunmehr gänzlich frei für leckere Eskapaden; und die platziert er gekonnt, nicht ohne die beiden Damen auch kräftig vor den Kopf zu stoßen. Warum bloß flößt die Autorin den derart Enttäuschten nicht den Mut ein, diesen Filou von Mann kurzerhand um die Ecke zu bringen? Ein "Kräutertee" hätte das schon richten können. So nimmt das Spiel denn einen etwas zu braven Verlauf, von den drei Akteuren allerdings mit Verve auf die Bretter gebracht. Ihnen galt denn auch uneingeschränkter Beifall. Dem Vernehmen nach waren es vornehmlich ältere Herrschaften, die ausdrücklich bekundeten, wieder einen vergnügten Abend im Kurtheater von Bad Nenndorf erlebt zu haben. Foto: privat

    Oskar Wedel

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