RINTELN (km). Am vergangenen Mittwoch wurde im Foyer der Sparkasse an der Klosterstraße eine Ausstellung unter dem Titel "Erinnerungen an Workuta" eröffnet. Workuta, im äußersten Norden Russlands gelegen, nahe am Eismeer zwischen Kara- und Barentsee, war eine der großen Lagerregionen im sowjetischen Gulag. Dort waren auch viele Deutsche inhaftiert, unter anderem Verurteilte aus den Schnellverfahren nach dem 17. Juni. Am 22. Juli 1953 traten mehr als 12.000 Häftlinge in einen Streik, der erst am ersten August blutig niedergeschlagen wurde. - Die vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge initiierte Ausstellung ist bis zum 23. November zu sehen.
Die Begrüßung der Gäste im Foyer der Sparkasse übernahmen der Bezirksvorsitzende des Volksbundes, Regierungsvizepräsident a.D. Karl-Heinz Mönkemeyer aus Hannover, sowie der Kreisvorsitzende Werner Vehling, der die Thematik in seiner kurzen Ansprache mit einem Adenauer-Zitat auf den Punkt brachte: "Die Vergangenheit ist eine Realität; sie lässt sich nicht aus der Welt schaffen, und sie wirkt fort - auch wenn man die Augen schließt, um zu vergessen."
Für die detaillierte Einführung in die Ausstellung hatten die Veranstalter Professor Dr. Siegfried Jenkner von der Universität Hannover gewinnen können. Die Dokumentation, befand der emeritierte Professor für Politikwissenschaft im Fachbereich Erziehungswissenschaften eingangs, erinnere an ein besonders dunkles Kapitel in der Geschichte des "Jahrhunderts der Lager" mit seinen zahlreichen Orten der Gefangenschaft, mit Zwangsarbeit und Vernichtung in vielen Teilen der Welt. Im "Panorama des Grauens" habe das sowjetische GULAG-System wegen seines Umfangs und seiner Dauer eine außerordentliche Stellung eingenommen - und sei durch Alexander Solschenizyns berühmtes Werk "Der Archipel GULAG" auch weltweit bekannt geworden.
Von den zahlreichen "Inseln" des "Archipels", so Jenkner, sei Workuta die in Deutschland wohl bekannteste, weil nach dem zweiten Weltkrieg viele Deutsche in das arktische Kohlerevier in der nordöstlichen Ecke Europas zwischen Ural und Eismeer deportiert worden seien und später darüber berichtet hätten. Bei den Betroffenen habe es sich zunächst um (wegen angeblicher, aber auch tatsächlicher Kriegsverbrechen verurteilte) Kriegsgefangene gehandelt, später auch um politische Häftlinge aus der SBZ/DDR. -
Die Ausstellung informiert über beide Gruppen und schildert in Wort und Bild die harten Arbeits- und Lebensbedingungen in einer eigentlich lebensfeindlichen Umwelt, berichtet aber auch vom Mut und die Kraft der Gefangenen zum Überleben. Im Zuge der Amnestien nach Stalins Tod konnten zwischen Ende 1953 und Anfang 1956 auch die deutschen Strafgefangenen zurückkehren. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist der größte Teil von ihnen von den Behörden der Russischen Föderation rehabilitiert worden.
Im Herbst 2005 sei es fünfzig Jahre her gewesen, erinnerte Professor Dr. Siegfried Jenkner, dass die letzten rund zehntausend Deutschen in die Bundesrepublik und DDR entlassen worden seien. Dabei hätten die sowjetischen Behörden die politischen Nachkriegshäftlinge stillschweigend mit den Kriegsgefangenen abgeschoben und denen auch zugerechnet. Seitdem geistere die Legende von den "zehntausend Kriegsgefangenen" durch die Medien und auch durch die Wissenschaft. Tatsächlich aber, so Jenkner, seien von den knapp zehntausend Heimkehrern fast ein Drittel politische Gefangene gewesen. Foto: km