1. "Die Welt ist wieder normal"

    Landesbühne Dinkelsbühl zeigt "Der Tag an dem der Papst gekidnappt wurde"

    Dieser Eintrag wird bereitgestellt durch Schaumburger Wochenblatt | Impressum

    BAD NENNDORF. Exakt 24 Stunden durfte es währen, das Unnormale: Tatsächlich schweigen einen Tag lang die Waffen, kein Mensch wird getötet. Es ist "Der Tag, an dem der Papst gekidnappt wurde", gewaltsam, wie alle Welt meint. Gewiß, für ein paar Minuten ist eine Pistole im Anschlag, ansonsten aber legt der Kidnapper ein durchaus friedfertiges Gebaren an den Tag, auch soweit es das Lösegeld betrifft: Eben keine 2 Millionen Dollar sind zu entrichten, sondern Frieden habe zu sein auf der Welt für 24 Stunden. Das muss der Welt ein Papst wert sein. Und er ist es. Doch kaum ist der Papst der Welt zurück gegeben, ist sie wieder normal: "Blutige Zwischenfälle in Ost-Asien, Revolution in Paraguay, wahnsinniger Doktor tötet fünf Menschen in Chicaco."

    Oskar Wedel

    Intendant Peter Cahn (li.) im Gespräch mit Winfried Busse.

    Das Stück von Joao Bethencourt firmiert als Komödie, hier eindeutig eingegrenzt auf die Satire. Sie kehrt der Banalität der Wirklichkeit den Rücken und erhebt das Ideal – hier den Weltfrieden – zur Realität. Tiefsinnig ist es angelegt, leichtfüßig kommt es daher. Genial geradezu die Idee des Autors, den Papst seiner Distanz gebietenden Heiligkeit zu entkleiden, ihn in ein "happening" zu verwickeln, wie es nur auf der Bühne entfaltet werden kann: völlig unwirklich und gerade daher einer ersehnten Wirklichkeit so nahe. Wirklich restlos ersehnt? Nicht ganz! Immerhin hat Bethencourt das Stück dem sanftmütigen Papst Johannes XXIII. gewidmet. Und der war ja ein Wesen aus Fleisch und Blut.

    Ohne den völlig durch geknallten Samuel Leibowitz kann in diesem Stück nichts in die Gänge kommen. Andreas Peterazinger gab ihm das bizarre Profil. Bedenkenlos griff er Besitz von "Seiner Heiligkeit", setzte sich mit gehöriger Schnoddrigkeit über alle Bemühungen hinweg, den Gekidnappten frei zu pressen. Der allerdings machte es dem Kidnapper leicht, seine fixe Idee umzusetzen. Denn der Papst entwich unbemerkt aus einem Seiteneingang des Waldorf-Astoria-Hotels, um abgesetzt von den Sicherheitsbeamten dem Entführer direkt in die Arme zu laufen.

    Aufgemischt wird das Szenario durch die quicklebendige Frau des Hause. Sie kittet, leimt, jongliert, um den Ehemann nicht restlos aus dem Ruder geraten zu lassen. Maike Frank machte das prächtig. Das Ihrige zu den Turbulenzen trugen die Kinder Irving (Oliver Scheffel) und Miriam (Judith Bopp) bei. Fehlen durfte natürlich nicht der Fiesling Rabbi Meyer und die fleischgewordene Humorlosigkeit des Kardinals O´Hara, beide bestens ins körperlich füllige Bild gesetzt von – nomen est omen – Knut Fleischmann. Natürlich blieb bei dieser Präsentation der gehörige Beifall nicht aus.

    Zu danken hat der Theaterkreis Bad Nenndorf dem Regisseur des Stückes und Intendanten des Landestheaters Dinkelsbühl, Herrn Peter Cahn. Er gab in einem anschließenden Gespräch Einblicke in eine Theaterarbeit, wie sie für den Nenndorfer Raum kaum vorstellbar ist. Tatsächlich ist es möglich, dass sich ein Ort wie Dinkelsbühl mit 12.000 Einwohnern ein eigenes Theater leisten kann mit einem Jahresetat von 1 Mio. Euro, wovon 400.000 Euro selbst eingespielt und 500.000 Euro Zuschüsse der öffentlichen Hand fest zugesagt sind. Ob Bürgermeister oder Landrat, alle stehen hinter diesem kulturellen Unternehmen, das den Bedürfnissen aller Altersgruppen zu entsprechen bestrebt ist und damit auch das Interesse der Jugend findet. Davon kann man in Bad Nenndorf nur träumen.

  2. Kommentare

    Bitte melden Sie sich an