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Hauptgewinner

„Und ihr Preis ist - diese bequeme und schöne Gartenmöbelkollektion!“
Der Showmaster grinste sein Zahnpastalächeln und auf Knopfdruck ertönte von den leeren Rängen stürmischer Applaus. Der glückliche Gewinner des zweiten Preises versuchte ein fröhliches Lächeln aufzusetzen, aber es entglitt ihm ein wenig in Anbetracht der möglichen Preise, die er verspielt hatte. Er schüttelte Dick Levens, dem Showmaster die Hand, bedachte Peter mit einem haßerfüllten Blick und verabschiedete sich, winkte dem nicht vorhandenen Publikum zu und wurde vom Rauschen ihres Jubels aus der Halle gespült.
Dann waren sie allein unter den Scheinwerfern, Peter, Dick Levens und sonst niemand, außer jemandem, der wahrscheinlich hinter der Kamera stand, vor leeren Rängen, aber vor Millionen treuer Fans vor den Bildschirmen. Peter zählte sich selbst dazu, sonst hätte er sich niemals beworben. Er hatte die Show jeden Tag gesehen und ihm war seltsamerweise niemals aufgefallen, daß der Jubel immer identisch, immer der gleiche war, wahrscheinlich immer vom Band kam. Machten sie nicht auch Schwenks ins Publikum? Nun, wahrscheinlich kamen diese Aufnahmen nur aus der Konserve. Tatsächlich war alles nicht so schimmernd, wie es aussah, aber das war Peter egal. Er hatte es geschaffte. Er hatte sich beworben, hatte die Vorausscheidung überstanden, war Kandidat geworden und hatte drei andere besiegt, die bestimmt draußen gemeinsam einen Schläger für ihn anheuerten, nur aus Rache. Aber nicht einmal das störte Peter noch. Er hatte gewonnen, er war der Hauptgewinner und würde nun im nächsten Moment den Pries bekommen. Das war es, wovon er geträumt hatte, auch wenn die Chance sehr klein gewesen sein mußte, daß er bis hierher kam. Es schaffte immer nur einer aus ein paar tausend ursprünglichen Bewerbern und das Schicksal hatte es gewollt, daß er dieser eine war. Und trotz all seiner Nervosität hatte er die meisten Fragen richtig beantworten können, auch wenn es am Ende knapp war. Die Gartenmöbel hätte er ohnehin nicht gebrauchen können. Der Hauptpreis mußte einfach besser sein, auch wenn er nicht wußte, was es war. Was aber feststand, war daß er sich darüber freuen würde. Die Jungs von der Show fragten immer eine nahestehende Person, was der größte Wunsch des Kandidaten sein würde - ohne daß ihm das mitgeteilt wurde - und sie mußte Jeanny gefragt haben. Was sie ihnen wohl gesagt hatte?
Es ging nicht um lächerliche Dinge wie einen Ballonflug oder ein Abendessen mit einem kurzen Spiel Eins-gegen-Eins gegen Michael Jordan, hier ging es um das ganz große Geld. Was Jeanny ihnen wohl gesagt hatte? Es konnte alles sein. Geld schien nicht einmal eine Rolle zu spielen. Ein Apartment direkt an der Fifth Avenue, ein Häuschen auf dem Land, vielleicht die kleine Ranch, die er sich in seinen Kindertagen erträumt hatte. Oder vielleicht eine Original restaurierte Corvette Stingray, feuerrot oder vielleicht die unvernünftigste weil am wenigstens wertvolle Lösung: eine Harley. Was auch immer Jeanny ihnen genannt haben mochte, er würde in jedem Fall überglücklich damit sein. Und nun war der Moment der Offenbarung gekommen.
Dick Levens sprach ein paar übliche Worte, lächelte sein Zahnpastalächeln und Peter nickte artig und dankbar und versuchte, seinen rasenden Puls unter Kontrolle zu bekommen. Er wartete. Dick Levens verabschiedete sich kurz in die Werbepause und stand stocksteif auf der Bühne, während sein Gesicht frisch abgepudert wurde. Peter schien in dieser Pause Luft für ihn zu sein, auch wenn er eine Sekunde später der wichtigste Mann der Show zu sein schien. Verlogenes Arschloch, aber Peter war dieses dumme Detail relativ egal. In ein paar Augenblicken würde sich ein Traum erfüllen und er würde das gewinnen, was er sich am sehnlichsten wünschte, was er vielleicht am meisten brauchte, sich aber niemals hatte leisten können, das kleine oder größere Detail, was sein Leben abrunden und ihm das Sahnehäubchen aufsetzen.
Wieder ertönte die Erkennungsmelodie und Dick Levens kehrte zu seinem Zahnpastalächeln zurück.
Peter rieb die schweißnassen Hände aneinander. Sein Puls wurde noch schneller, obwohl er das nicht mehr für möglich gehalten hatte.
„So, das sind wir wieder und wir haben wieder einen Hauptgewinner!“

Die Kamera schwenkte auf Peter, der Applaus quoll an und Peter lächelte unbeholfen den leeren Tribünen zu.
„Und der Preis ist...“
Dick Levens öffnete den Umschlag, den er in der Hand hielt. Peter hielt den Atem an.
„Wir übernehmen zusammen mit der Live-Care Versicherungsgruppe ihre Krankenversicherung und alle anfallenden Behandlungskosten für die nächsten zwei Jahre!“
Der Applaus schwoll an, die Stimmung wurde ausgelassen. Peter versuchte, seinen offenen Mund irgendwie wieder zu schließen. Es sah ihm ähnlich, daß seine Nerven ihm eine Streich spielten. Er konnte sich nur erhört haben. Oder irgend jemand mußte den Verstand verloren haben. Um wieviel ging es dabei? Um ein paar hundert Dollar? Konnten sie Jeanny so falsch verstanden haben? Oder spielte ihm hier jemand einen Streich? War vielleicht ein Team von der Sendung Versteckte Kamera hinter der Bühne und nutzte die Gelegenheit, hier einen völlig verstörten Hauptgewinner zu filmen? Natürlich, das mußte es sein. Aus der Fassung gebracht hatten sie ihn jedenfalls. Aber er versuchte, einigermaßen Haltung zu bewahren.
„Und hier ist die Person, der Peter diesen phantastischen Preis zu verdanken hat!“
Er drehte sich in Richtung Vorhang und wieder schwoll der Applaus an, an sich eine Person den Weg hinaus bahnte. Es war aber nicht Jeanny.
„Ladys und Gentleman - bitte begrüßen sie Doktor Samuel Wilkins!“
Peters Arzt winkte den leeren Rängen zu und eilte mit jugendlichen Laufschritten nach vorne ins Rampenlicht neben Dick Levens. Peter schien die Sache irgendwie immer mehr zu entgleiten. Was ging hier eigentlich vor.
„Doktor Wilkins, erst einmal herzlich willkommen in der Sendung!“
„Ich freue mich hier zu sein.“
Natürlich, Peter hatte einen seltsamen Traum und all das hier war nicht real. Oder doch?
„Doktor Wilkins, würden Sie uns ein paar Worte zu diesem Preis sagen?“
„Aber natürlich, Dick.“
Er drehte sich ein Stück und sah an Dick Levens vorbei und lächelte Peter an. Peter kannte den Mann natürlich. Er war der Arzt seines Großvaters gewesen und noch immer der Hausarzt seines Vaters und sein eigener. Und daß er hier war, machte Peter irgendwie nervös.
„Zuerst einmal möchte ich ihnen gratulieren, Peter.“
Peter nickte betäubt.
„Ich bin noch nicht dazu gekommen, es ihnen zu sagen und als ich dann hörte, daß sie Kandidat in dieser tollen Show sind, habe ich es bewußt noch ein paar Tage zurückgehalten. Aber ich habe jetzt die Ergebnisse der jährlichen Blutuntersuchung vorliegen.“
„Aha.“ murmelte Peter.
„Was sie noch nicht wissen: Sie haben Krebs!“
Das imaginäre Publikum jubelte. In dem Lärm ging Peters heiseres Was völlig unter. Wilkins lächelte honigsüß und klopfte Peter aufmunternd auf die Schulter.

„So wie es aussieht, haben sie nur noch ein paar Monate zu leben. Aber wenn wir den Krebs bekämpfen, können wir es vielleicht hinauszögern. Ich denke, wir könnten anderthalb Jahre daraus machen. Die werden vielleicht nicht immer angenehm sein, aber es ist immerhin besser, als früher zu sterben. Wir werden ein paar ziemlich unangenehme Methoden anwenden müssen, denn der Krebs ist schon sehr weit fortgeschritten und besiegen können wir ihn ohnehin nicht, aber dadurch gewinnen wird - Sie - wenigstens etwas Zeit. Anderthalb Jahre haben sie also noch. Allerdings kosten diese Behandlungsmethoden einen Menge Geld und ich fürchte, zumindest das letzte halbe Jahr werden sie das Krankenhaus nicht mehr verlassen können. Alles in allem wird sie dieses letzte Jahr ihres Lebens ein paar Hunderttausend Dollar kosten.“
„Und die Million Dollar Show wird zusammen mit der Live-Care Versicherungsgruppe alle Kosten übernehmen und das nicht nur für anderthalb Jahre, sondern für ganze zwei, falls sie es noch so lange machen. Und sollten sie vorher sterben, bezahlen und organisieren wir ihnen einen Beerdigung, die ihre Angehörigen ihren Lebtag nicht mehr vergessen werden!“
Die leeren Ränge jubelten. Wilkins und Dick Levens klatschten in die Hände und griffen danach nach Peters, um ihm diese zu schütteln und ihn zu beglückwünschen. Es wurde wirklich Zeit, daß er aufwachte. Das hieß - falls das überhaupt ein Traum war. Falls nicht, dann war das hier heute wirklich sein Glückstag.


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