Als die Erde sich andersrum drehte
Eines Tages begann die Erde, sich einfach andersrum zu drehen. Niemand wußte genau, wann die Änderung eingetreten war, aber eines Morgens sammelten sich die Leute auf der Straße, starrten verwundert in den Sonnenaufgang im Westen und kamen einhellig zu dem Schluß, daß es der schönste sei, den sie je gesehen hatten.
Sie sahen verwirrt auf ihre Uhren und stellten fest, daß alle Digitaluhren mathematisch überfordert waren und einfach nur leere Displays präsentierten, während sie über den Sinn des Lebens nachdachten. Analoge Uhren hatten es da einfacher, sie drehten sich einfach links herum und paßten sich so den neuen Verhältnissen an. Vorteil davon war auf jeden Fall, daß die internationalen Zeitzonen beibehalten werden konnten und was sonst vorausgelaufen war beim Rückwärtslaufen nun ja hinterher hing.
Die ersten Krisen gab in den Redaktionsstuben der Fernsehsender, die krampfhaft darüber nachdachten, wie das Programm denn nun der neuen Zeitrechnung anzupassen sei und das Frühstücksfernsehen am Abend keinen tieferen Sinn machten, ebenso wie erotische Filme zum Frühstück. Aber da es prinzipiell zu jedem Standpunkt mindestens eine Meinung mehr gab, als Menschen im Raum anwesend waren, hüllte man sich in Schweigen und schaltete bis auf weiteres vierundzwanzig Stunden am Tag Dauerwerbesendungen über den Äther, vor allem bis man sich darauf geeinigt hatte, ob man rein politisch dafür oder dagegen sein sollte.
Die Hälfte der Fernsehzuschauer merkte den Unterschied nicht einmal und starrte weiter in abgedunkelten Zimmern auf flackernde Röhren, die anderen gingen hinaus ins Freie, sahen zum blauen Himmel hinauf und hatten an dem Naturschauspiel teil.
Eine eilig einberufene Versammlung des Kongresses rief eine eilige Versammlung von Experten ein, aber niemand konnte sich all das erklären, also faßte man den Entschluß, jetzt auch das Datum rückwärts laufen zu lassen, allein um der neuen Entwicklung nachzugeben und nicht reaktionär zu wirken. Das gab natürlich weitere Probleme.
Ein findiger Buchhalter kam in Detroit auf die Idee, die Lohnschecks einzubehalten, die am Ende der Woche ausgezahlt werden sollten, weil das Ende der Woche sich immer weiter von ihnen entfernte, statt irgendwann einzutreffen und was die Wochen davor anging, hätte ja schon jeder seinen Scheck bekommen, so stand es jedenfalls in den Büchern. Der schlaue Mann ging nicht davon aus, daß er damit durchkam, aber allein die Tage bis zur Klärung dieses Problem hätten gereicht, um an Zinsen auf einbehaltene Beträge die Mißwirtschaft von zehn Jahren auszugleichen.
Andere Buchhalter folgten seinen Beispiel, was schließlich dazu führte, daß die Arbeit überall niedergelegt wurde und schwere Unruhen ausbrachen, ausgelöst davon, daß der schlaue Mann erschossen wurde, offiziell von einem verrückten Einzeltäter namens Harvey, aber unter der Hand tauschte man wilde Verschwörungstheorien aus.
In den Städten brachen bürgerkriegsähnliche Zustände aus, Geschäfte wurden geplündert und als der Präsident das Kriegsrecht ausrief und seine Amerikaner zum Durchhalten aufrief, schürte das nur noch mehr die Unruhe der Menschen. Zentrum der Unruhen war nach wie vor Detroit und die Presse kam auf die Idee, das ganze Problem nach dem schlauen Mann zu benennen, aber niemand kannte seinen Namen, so als hätte es ihn nie gegeben. Unbestätigten Meldungen zufolge erschoß ein Sergeant der Nationalgarde, der im Zivilleben in einem Supermarkt Waren in Papiertüten packte, siebzehn Mitlieder des Vorstandes von General Motors, weil ihm die neuesten Designstudien der Entwicklungsabteilungen nicht gefielen.
Als die Fernsehanstalten endlich wieder auf Sendung gingen, waren die Programme erfüllt von philosophischen Diskussionen, was denn Sinn und Zweck des ganzen sei und was es für den einzelnen bedeute und die Sender überschlugen sich, um immer abgedrehtere Randgruppen nach den Änderungen ihres Lebenswandels auszuleuchten.
Immerhin, es kamen einige kreative Vorschläge, mit der die Sache vielleicht gedeutet werden konnte, aber die Hälfte der Anrufer verschwand wurde in einem Labor der NASA eingesperrt, weil man sie für Außerirdische hielt, die hinter der ganzen Sache steckten, die andere Hälfte wurde wegen mangelnder geistiger Zurechnungsfähigkeit als Gefahr für die Gesellschaft in die Gummizelle gesperrt.
Trotzdem gab es genug Menschen, die den Wandel genossen und ihre Chance sahen.
Eine Band aus Seattle, der es eigentlich bestimmt war, unbekannt zu bleiben, kam auf die Idee, ihrem neuen Album eine zweite Scheibe folgen zu lassen, auf der alle Stücke rückwärts aufgenommen waren und diese Scheibe erklomm innerhalb einer Woche die Spitze der Charts. Immer mehr Gruppen folgten dem Trend und die Jugendlichen schlossen sich wieder in ihren Zimmer ein, rauchten Joints und versuchten aus der rückwärts laufen Musik Botschaften des Satans herauszuhören.
Innerhalb von acht Tagen nach Auftreten des Phänomens waren weltweit etwa fünftausend Menschen durch Massenselbstmorde ihrer Sekten gestorben, die das Ende der Welt als gekommen ansahen und allein diese Entwicklung brachte viele Menschen zu dem Schluß, daß die katholische Kirche hinter all dem steckte.
Wenigstens die Tiere hatten weniger Mühe, sich den neuen Verhältnissen anzupassen, die meisten wenigstens. Sicher, es gab auch Ausnahmen. Vor Santa Monika wurde eine Gruppe von achtundzwanzig toten Buckelwalen angespült und Augenzeugen und Tierärzte kamen zu der Erkenntnis, daß die Tiere ertrunken waren, weil sie den Pazifik auf dem Rücken schwimmend überqueren wollten.
Ein große Anzahl Zugvögel machte sich unvermittelt auf den Weg nach Norden und über der Polarregion begann es zwei Tage lang abgemagerte und entkräftetete Zugvögel vom Himmel zu regnen.
Nur die Haustiere schienen die Störungen kaum zu bemerken und beobachteten nur interessiert die allgemeine Unruhe der Menschen.
In einer anderen Talkshow gab ein Rancher an wie froh er war, daß die Pflanzen wenigsten nach wie vor in der richtigen Richtung wuchsen, den Kühen entgegen und sich nicht der allgemeinen Umkehrung anpaßten, denn dann hätte sich die Erde innerhalb von Tagen in einen nackten, blanken Stein verwandelt, weil die Tiere in Panik die letzten Reste des schwindenden Grüns in sich hineingestopft hätten. Aus diesem Thema heraus entbrach ein Streitgespräch, welche Richtung denn nun wirklich richtig sei und welche nicht und ob die Konventionen des Menschen zählen sollten oder eher die Gesetze der Natur, die es sich nun doch anders überlegt hatte und ob man Normen und Gesetze dem neuen Bild nicht angleichen müssen und einfach alles umdrehen. Es wurden im ganzen Land Abstimmungen durchgeführt und die Ergebnisse fielen höchst unterschiedlich aus, je nachdem wie konservativ oder innovativ ein Staat war und als Folge der Uneinheit sagten sich vierzehn Staaten aus der Union los und bildeten die Konföderation der Vereinigten Staaten - im Uhrzeigersinn.
Weitaus tragischer war allerdings in Japan, wo man statt dem traditionellen Land der aufgehenden Sonne nun zum Land der untergehenden Sonne geworden sei. Eine Expertenrunde kam zu der erschreckenden Erkenntnis, daß eine Änderung aller in Frage kommender Unterlagen und Computerdateien definitiv nicht zu finanzieren sei und das es billiger sei, Kalifornien zu kaufen und dorthin umzuziehen, weil man dann ja gewissermaßen wieder am richtigen Ende der Welt wäre.
Da entsprechende Verhandlungen scheiterten - vor allem weil Amerika nicht bereit war, Hollywood als Nabel der Unterhaltungsindustrie einfach aus der Hand zu geben - überfielen die Japaner zwei Tage später Pearl Habour, weil das billiger sein würde als Kalifornien zu kaufen, zogen aber nach fünf Stunden wieder ab, weil ihnen klar wurde, daß da gar nicht genug Platz für alle Japaner war. Die folgende allgemeine Protestnote und der Abbruch aller internationalen wirtschaftlichen und politischen Kontakte zu Japan war danach allerdings nur noch Kosmetik, da der Welthandel sowieso längst zusammengebrochen war und die Makler wie Lemminge von den Dächern der Börsengebäude sprangen.
Also begann man einfach, neue Modelle einer Weltkugel zu zeichnen und einigte sich mit den Japanern auf eine Version, die ganz links Japan zeigte, dann den ganzen Pazifik und danach den Rest der Welt und ganz am Ende erst China, Korea und Südostasien, auch wenn das einige Geographieschüler in arge Bedrängnis brachte. Als Folge davon jedenfalls verdoppelten alle Fluglinien ihre Preise für Flüge nach Japan, weil das ja auf der neuen Karte viel weiter weg war.
Ohnehin war das Geld nicht mehr viel wert. Die Menschen hatten einen regen Tauschhandel begonnen und viele waren längst dazu übergangen, sich mit Fellen zu behängen und waren verschwunden, um in den Wäldern zu leben.
Da der Welthandel zusammenbrach, kam es weltweit zu Hungersnöten und innerhalb von Tagen entbrannten überall Kriegen, aus der Not heraus, um sich aus reinem Opportunismus einen Vorteil aus der Situation zu verschaffen oder weil der jeweilige politische Erzfeind mit seine verrückten Wissenschaftlern schuld an der Sache war, weil sie es irgendwie gemacht hatten, auch wenn die eigenen Experten selbst noch keine Erklärung hatten und man deswegen einen technologischen Vorsprung der designierten Gegenseite eingestehen mußte.
Schon bald brach jede Art von Ordnung und Vernunft zusammen und die Menschheit begann, sich selbst systematisch auszulöschen, nicht bis zum Ende, aber bis zu einem Punkt, der diesem Ende erschreckend nahe kam.
Aber irgendwie schliff sich alles wieder ein. Es war seltsam, aber als die Menschen in den Trümmern standen und sich verschlafen die Augen rieben, verschwand alle Verwirrung und für Kinder, die nach dem großen Krieg aufwuchsen und die Welt entdeckten, war es völlig normal, daß die Sonne im Westen auf und im Osten unterging. Nur die Alten, die das Chaos und den Krieg überlebt hatten, erinnerten sich daran, aber im Laufe der Jahre nahm sie bald niemand mehr ernst. Die Menschen begriffen, daß es viel einträglicher war, sich den neuen Verhältnissen anzupassen. Der Wissensstand der Menschen änderte sich. Daten in Geschichtsbüchern wurden gespiegelt und umdatiert, soweit nicht alle Unterlagen vernichtet worden waren und dem allgemeinen Erklärungsnotstand, warum man die Jahre denn Rückwärts zähle was einmal später im Jahre Null passieren werde, ging man mit beiläufigem Schulterzucken aus dem Weg.
Die Wirtschaft sah den Wiederaufbau als Chance und nach Jahren der Stagnation gab es endlich wieder etwas zu tun. Man führte wieder eine allgemeine Währung ein, den RALLOD, obwohl keiner wirklich die Pointe dabei verstand und irgendwann lief das Leben einfach weiter, egal wie seltsam und unlogisch das manchen Kindern vorkommen mochte, die die zum Teil widersprüchlichen und widersinnigen Konventionen der Gesellschaft erst entdeckten. Aber sie wurden damit groß und als sie selbst Kinder hatten, erinnerten sie sich nicht mehr an ihre Zweifel und hatten natürlich für alles eine Erklärung, wie bei der Sache mit den Blumen und den Bienen.
Und wie die Zeit verging verlöschten die Kerzen derer, die es erlebt hatten, die davon erzählen wollten, denen man aber nicht glaubte, weil in der Zeit der Verirrung niemand auf die Idee gekommen war, die Ereignisse festzuhalten. Für die jungen Menschen waren es eben schon immer so gewesen, sie wußten eben nichts davon. Man erfand sogar einen Namen für die Form von Schwachsinn, der all die Alten offensichtlich verfallen waren und brachte sie in spezielle Heime, einfach um die wunderlichen Alten los zu sein.
Dort saßen sie in ihren Zimmern, starrten geistesabwesend auf die flimmernden Bilder dieser falschen Welt oder sahen aus dem Fenster, jeden Morgen, um die Sonne aufgehen zu sehen, voller Schadenfreude in den Augen und im sicheren Glauben daran, daß sie am Ende recht behalten würden und daß die Sonne eines morgens nicht im Westen aufgehen würde - sondern wieder im Osten.
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