8. Mai 1945 - vor 70 Jahren endete der 2. Weltkrieg. Schätzungen gehen da¬von aus, dass mehr als 65 Mil¬lionen Menschen starben. Es kamen mehr Zivilisten als Soldaten ums Leben. Am stär¬ksten betroffen war die Sow¬jet¬union mit etwa 27 Millionen ge¬töteten Menschen. Mehr als sechs Millionen Deutsche verloren ihr Leben. Bereits diese dürren Zahlen zeigen eine grausame Bilanz, die schockiert und beschämt.
Vor mittlerweile 30 Jahren hat der jüngst verstorbene Bundespräsident Richard von Weiz¬säcker die wegweisenden Worte gesprochen: "Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschen¬verachtenden System der nationalsozialistischen Gewal¬t¬herr¬schaft. Wir haben allen Grund, den 8. Mai 1945 als das Ende eines Irrweges deutscher Geschichte zu erkennen, das den Keim der Hoffnung auf eine bessere Zukunft barg." In der Tat dürfen wir dankbar sein. Seit dem 8. Mai 1945, 23.01 Uhr, herrscht Frieden in Westeuropa. Seitdem ist Europa zusammen gewachsen. Freund¬schaft, Versöhnung und Frieden unter ehemals zer¬strittenen Staaten sind ein kostbares Gut.
Versöhnung gelingt, wenn Menschen mutig auf einander zugehen. Eine besondere Versöhnungsgeschichte beeindruckt mich immer wieder: Weihnachten 1940, nur wenige Wochen nach der Zerstörung seiner Kathedrale durch deutsche Bomben, sprach der Dompropst der mittelenglischen Stadt Coventry in der Kirchenruine folgende Worte: "Wir werden versuchen, so schwer dies auch sein mag, alle Gedanken an Rache zu verbannen: Wir werden versuchen, die Welt freundlicher, einfacher, dem Christus¬kind ähnlicher zu machen.” Nach dem Krieg hat er dann dem ehemaligen Feind die Hand ausgestreckt und die Kathedrale von Coventry ist auf Städte wie Kiel oder Dresden, die ähnliches erfahren haben, zu gegangen. Ein Netzwerk, genannt Nagelkreuzgemeinschaft, das sich für Frieden und Versöhnung einsetzt, entstand – zuerst in England und Deutschland, später an vielen Orte weltweit. Das verbindende Gebet dieser Gemeinschaft ist die Versöhnungslitanei von Coventry. In deren Zentrum steht der Gebetsruf: "Vater vergib". Wer bereit ist, sich auf Versöhnung einzulassen, weiß um seine eigenen Unzulänglichkeiten und Fehler und bittet Gott um seinen Beistand bei der Überwindung von Konflikten. Das Gebet endet mit einem Wort des Apostels Paulus: "Seid untereinander freundlich, herzlich und vergebt einer dem anderen wie Gott euch vergeben hat in Jesus Christus".
Wir sind dankbar für 70 Jahre Frieden und Versöhnung in Europa. Doch ein Blick z. B. in die Ukraine macht uns sofort bewusst, wie schnell diese auch wieder in Frage gestellt werden oder zerbrechen können. Daher werden wir am Freitagabend, den 8. Mai, um 18 Uhr in der Wunstorfer Stiftskirche mit diesem Gebet aus Coventry des Kriegsendes gedenken.
Oberkirchenrat Dr. Oliver Schuegraf
